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Einladung zu einem neuen Projekt:
Aufklärung und Alltag (von Ole Fischer)

Seit dem Zweiten Weltkrieg habe keine Epoche so im Zentrum kulturwissenschaftlicher Interessen gestanden wie die Aufklärung, so ließen 2007 die Literaturwissenschaftler Roland Galle und Helmut Pfeiffer verlauten, (1) die damit sicherlich eine berechtigte These formulierten. Weitgehend unerforscht ist jedoch noch immer der Alltag im Zeitalter der Aufklärung. Die Überblickswerke halten was sie versprechen und bieten allenfalls einen Überblick (2) und die Publikationen zur Volksaufklärung decken aus dem weiten Gebiet der Alltagsgeschichte nur einen kleinen Teil ab. (3) In gleicher Weise gilt auch für die Publikationen zur Sozialgeschichte (4) und weitere Einzelstudien, (5) dass sie zwar Fragen des Alltags im 18. Jahrhundert berühren, jedoch für sich allein stehend kaum einen weitreichenden Einblick auf die kulturellen und lebensweltlich relevanten Umbrüche unter dem Einfluss der Aufklärung bieten können. Um eine differenzierte Gesamtbewertung bemüht waren bisher allenfalls die Herausgeber des bereits 1990 veröffentlichten Sammelbandes „Alltag im Zeitalter der Aufklärung“. (6) Das schmale Büchlein ist jedoch lediglich ein vorsichtiger Schritt in die richtige Richtung, dem bisher keine weiteren gefolgt sind.

Dass die Alltagsgeschichte des heutigen Bundeslandes Schleswig-Holstein und der angrenzenden Regionen insgesamt noch weitgehend unerforscht ist, darauf hat Klaus-J. Lorenzen-Schmidt bereits im Rundbrief 97 aufmerksam gemacht. Dies gilt in besonderer Weise auch für das 18. Jahrhundert. Ich möchte daher an dieser Stelle alle Interessierten dazu einladen, sich in einem gemeinsamen Projekt dem Thema „Aufklärung und Alltag“ zu widmen.

Mit folgenden Themen seien hier lediglich einige Beispiele aus dem weiten Themenspektrum angeführt: Untersucht werden könnten beispielsweise die Vermittlung der Aufklärungsideen an das „Volk“ (Volksaufklärung) sowie die Resonanz der Ideen der Aufklärung im Volk. Interessant wäre auch die Frage, wie praktisch wirkende Reformprojekte des dänischen Gesamtstaates (Bildung, Medizin, Landwirtschaft etc.) den Alltag veränderten und wie diese Veränderungen wahrgenommen und bewertet wurden. Gefragt werden könnte auch danach, wie die Verbesserung des Bildungswesens und die steigende Alphabetisierung das Kommunikationsverhalten veränderten (beispielsweise durch die Zunahme von Briefwechseln oder durch den Aufbau von Netzwerken) oder wie die Gründung von Bildungseinrichtungen (z.B. der Dänischen-Akker- Akademie) den landwirtschaftlichen Alltag beeinflusste.

Auch methodisch bietet das Thema viele mögliche Zugänge. So könnte beispielsweise eine quantitativ angelegte Untersuchung der Frage erfolgen, wie stark das aufkommende Sparkassenwesen in der Bevölkerung rezipiert worden ist. Auf der Grundlage von qualitativen Quellen könnten in Fallstudien exemplarisch die Reaktionen auf die aufklärerischen Reformen untersucht werden, oder es könnten auf mikrogeschichtliche Weise die extremen Formen eines Lebens in der Aufklärung aufgezeigt werden.

Dabei sollten die Begriffe „Aufklärung“ und „Alltag“ möglichst weit definiert werden. In diesem Sinne wäre Aufklärung vor allem als Epochenbezeichnung für „das lange 18. Jahrhundert“ zu verstehen, wobei die Einflechtung bestimmter epochentypischer Charakteristika (Rationalisierung, Ökonomisierung etc.) und deren Einfluss auf den Alltag durchaus wünschenswert wären. Ebenso sollte der Fokus durch den Begriff „Alltag“ nicht nur auf täglich wiederkehrende Rituale und Gewohnheiten (Essen, Schlafen, Sexualität usw.) beschränkt werden, sondern auch herausragenden Ereignissen (z.B. den Reformen der Jahre 1770 bis 1772) und deren Einflussnahme auf den Alltag Anknüpfungspunkte bieten.

Dies sind wie gesagt nur einige Beispiele. Schließlich will das Projekt gemeinschaftlich erarbeitet werden, weshalb grundsätzlich gilt: Jeder Themenvorschlag ist erst einmal herzlich willkommen. Wem es auf der Suche nach einem möglichen Thema noch an einer zündenden Idee ermangelt, dem seien an dieser Stelle noch einmal ausdrücklich der Rundbrief 97 und die darin befindlichen Ausführungen zur Alltagsgeschichte empfohlen.

Wer Interesse hat, an diesem Projekt mitzuarbeiten, ist dazu herzlich eingeladen und sollte sich mit einem Themenvorschlag melden bei:
Ole Fischer
Schopenhauerstraße 29
99423 Weimar
ole.fischer@uni-jena.de

Fußnoten:
1 Roland Galle; Helmut Pfeiffer, Vorwort, in: Aufklärung, hrsg. von dens., München 2007, S. 7.
2 Allen voran wäre hier zu nennen Richard van Dülmen, Kultur und Alltag in der Frühen Neuzeit, 3 Bände, 4. Aufl., München 2005.
3 Vgl. Holger Böning u.a. (Hg.), Volksaufklärung. Ein praktische Reformbewegung des 18. und 19. Jahrhunderts, Bremen 2007.
4 So beispielsweise Franklin Kopitzsch, Grundzüge einer Sozialgeschichte der Aufklärung in Hamburg und Altona, Hamburg 1982.
5 So beispielsweise Kai Detlev Sievers, Volkskultur und Aufklärung im Spiegel der schleswig-holsteinischen Provinzialberichte, Neumünster 1970; Otto Ulbricht, Kindsmord und Aufklärung in Deutschland, München 1990.
6 Klaus Gerteis (Hg.), Alltag in der Zeit der Aufklärung, Hamburg 1990.