Einladung zu einem neuen Projekt: Essen und Trinken in der Vergangenheit (Günther Bock, Klaus-J. Lorenzen-Schmidt)
Essen und Trinken bilden zweifellos fundamentale Größen für die Existenz von Lebewesen. Doch auf der Grundlage dieser biologischen Notwendigkeiten entfalteten sich im Laufe der Menschwerdung vielfältige kulturelle Dimensionen. Die notwendige Nahrungsaufnahme entwickelte sich zu einem Faktor, der Unterscheidungen von Ethnien, sozialen Gruppen, Menschen unterschiedlichen Lebensalters und selbst zwischen den Geschlechtern beinhalten konnte. Die sich aus der Nahrungsaufnahme herausgebildeten kulturellen Aspekte werden kaum zu überschätzen sein. Essen und Trinken wurden zu kulturellen Determinanten par excellence.
Dem entgegen steht eine wissenschaftliche Beschäftigung, die zumindest in den Landen zwischen den Meeren der Bedeutung dieser Thematik kaum angemessen erscheint. Eher beiläufig, im Rahmen anderer Fragestellungen, gelangten Nahrungsmittel in die Wahrnehmung der historischen Forschung. Deutlich besser sieht es in der Archäologie und in der Archäobotanik aus. Aber gerade die Diskussion ihrer Ergebnisse mit historischen Fragestellungen kann zu Anregungen führen, die ihrerseits über die Grenzen der jeweiligen Disziplinen hinausweisen.
Konkrete Fragen stehen im Zentrum unseres Projektvorschlages. Hier nur eine Auswahl möglicher Fragen, die uns interessieren:
- Wer aß oder trank wann und was und in welchen Quantitäten und Qualitäten?
- Wie viel aß und trank wer?
- Welche qualitativen Ansprüche wurden an die Nahrung gestellt?
- Wie gesund war die zur Verfügung stehende Nahrung?
- Was galt als gesund, was als ungesund?
- Welchen Stellenwert hatte der Hunger, die Knappheit aller oder bestimmter Nahrungsmittel?
- Lassen sich ernährungsbedingte Krankheiten oder aber Resistenzen gegen Krankheiten erkennen?
- Gab es saisonale Unterschiede im Konsum?
- Gab es bewussten Nahrungsverzicht (Fasten)?
- Welche Tabus gab es und warum wurde auf ihre Einhaltung Wert gelegt?
- Aßen und tranken Männer und Frauen dasselbe?
- Wie und womit wurden Kinder ernährt?
- Gab es „demonstrativen Konsum“ von Gruppen, der andere ausschloss?
- Sind im Laufe historischer Veränderungen auch Änderungen des Eß- und Trinkgeschmacks zu konstatieren?
- Wie und womit wurde gekocht, welche Geräte kamen zum Einsatz?
- Was sagen die Quellen (Schriftquellen, archäologische Relikte etc.) zur Ernährung?
- Wie wirkte sich die Ernährung auf die ökonomische und soziale Entwicklung einer Landschaft, eines Raumes, eines Dorfes aus?
- Mit wem aß man oder wurde Tischgemeinschaft gehalten?
- Welches Benehmen galt als angemessen?
- Gab es Tischgespräche, und worum ging es da?
- Welche Verfälschungen gab es?
- Wie wirkte sich der Nahrungskonsum auf Handel und Gewerbe aus?
- Welche ökologischen Folgen sind zu beobachten?
- Womit wurde gewürzt oder gesüßt?
- Welche Konservierungsmethoden wurden praktiziert?
- Wie verlief die Rezeption importierter Nutzpflanzen?
Thematisch haben wir Schleswig-Holstein und seine Nachbarregionen im Blick, doch lädt diese Thematik auch dazu ein, durch Beiträge aus ganz anders geprägten Kulturen an Tiefe und Aussagekraft zu gewinnen.
Dieses Projekt ist in hohem Maße für inter- und transdisziplinäre Beiträge geeignet. Biologie, Ernährungs- und Agrarwissenschaft, Archäologie, Volkskunde, Umweltgeschichte und andere mehr können sich hier einbringen und zu einem lebendigen Projekt, einer vitalen Tagung und einem anregenden Tagungsband beitragen.
Wir erbitten Meldungen von Interessierten mit einem Themenvorschlag an die folgenden Adressen:
- Detlev Kraack, Detlev.Kraack [at] gmx.de
- Klaus-J. Lorenzen-Schmidt, Staatsarchiv, Kattunbleiche 19, 22041 Hamburg, klaus-joachim.lorenzen-schmidt [at] staatsarchiv.hamburg.de
Die für das Frühjahr 2008 geplante Tagung zum Thema ist verschoben. Folgende Beiträge wurden bislang zugesagt:
- Günther Bock, Historische und archäologische Quellen zur Ernährung in den ländlichen Räumen Nordelbiens während des Mittelalters
- Petra J. E. M. van Dam, Salzgewinnung und Salzkonsum
- Peter Danker-Carstensen, Lachs als Volksnahrungsmittel
- Carsten Drieschner, Vermarktung regionaler Speisen und Getränke als historische Erfahrung
- Silke Göttsch-Elten, Veränderung im 19. Jahrhundert, Regionalisierung der Kost, Wahrnehmung von Mahlzeiten und Nahrungsmitteln
- Klaus-J. Lorenzen-Schmidt, Handwerkliche Festessen im 15. und 16. Jahrhundert
- Katja Nicklaus, Kaffeehäuser in Hamburg und Lübeck im 18. Jahrhundert
- Bärbel Pusback-von Borries, Bürgerliche Mahlzeiten und Geselligkeit (Fam. Seelig)
- Ortwin Pelc, Gaststätten und Kneipen in Hamburg im 18. und 19. Jahrhundert
- Martin Schröter, Ernährung im Kloster Reinfeld
- Karl-Heinz Ziessow, Der Stellenwert eingekaufter Lebensmittel im Haushalt eines Bauern aus der Nähe von Wildeshausen, ca. 1780-1820

