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Geldumlauf und Kredit in Schleswig-Holstein vom Mittelalter bis zur Gegenwart (Klaus-Joachim Lorenzen-Schmidt)

(Koppelsberg bei Plön - 29. bis 31. Oktober 2004)

 

Auf Initiative von Klaus-J. Lorenzen-Schmidt trafen sich im Rahmen des „Arbeitskreises für Wirtschafts- und Sozialgeschichte Schleswigs-Holsteins“ zwanzig Historiker und Numismatiker zu einer Tagung über „Geld und Kredit“. Ausgehend von der zu diesem Thema - mit Ausnahme der Sparkassengeschichte - unzureichenden Forschungslage im nördlichsten Bundesland (wie auch der benachbarten Regionen) sollte der Versuch unternommen werden, nicht nur die frühe Geldgeschichte zu beleuchten, sondern vor allem auch das Kreditwesen in solchen Bereichen näher zu betrachten, die beide bisher als nur mangelhaft erforscht gelten müssen.

Ortwin Pelc (Hamburg) leitete die Vortragsfolge mit seinem Beitrag „Schätze in Norddeutschland. Schatzsagen, Schatzfunde und Schatzgräber in der Frühen Neuzeit“ ein. Er skizzierte zunächst die Sagenüberlieferung für Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern und Niedersachen und stellte bestimmte Grundmuster heraus. So verdeutlichte er, daß von Schätzen vor allem auf dem Lande, kaum in Städten die Rede ist. Diesen Befund konfrontierte er mit dem Fundkatalog der Deutschen Numismatischen Kommission, der die Sagenüberlieferung hinsichtlich der Fundverteilung stützt. Schatzgräberei kommt verschiedentlich vor - oft sind es Personen, die etwas außerhalb der lokalen Gesellschaft stehen (etwa Soldaten), die diese Praktiken ausüben, aber selten Erfolg haben.

Ralf Wiechmann (Hamburg) gab in „Vom Hacksilber zum Denar - die älteste Münzprägung in Mecklenburg“ einen Überblick über unser Wissen frühesten Münzgebrauchs und ältester Münzrpägung im Norden Deutschlands. Insbesondere konnte er einen sehr neuen Münzfund aus einer jungslawischen Siedlung nahe Parchim vorstellen, der Imitate niederelbischer Aggrippiner enthielt. - Jørgen Steen Jensen (Kopenhagen) berichtete über „Münzprägung in Schleswig vom 11. bis zum ersten Drittel des 14. Jahrhunderts. Was wissen wir und wo sind Forschungslücken?“ Tatsächlich sind die Fundsituationen in Dänemark und Deutschland sehr unterschiedlich, weil in Dänemark eine enge Kooperation mit Metalldetektor-Suchern aus der Laienschaft besteht und in Deutschland diese Gruppe eher kriminalisiert und verfolgt wird. In Dänemark hat sich die Zahl der Münz-Einzelfunde durch Einsatz der Detektoren vervierfacht. Tatsächlich aber sind frühe Münzstätten wie Haithabu, Schleswig oder Ribe nur schwer bestimmten Münzfunden zuzuordnen. - Michael Kunzel (Berlin) stellte in seinem Vortrag „Münzproduktion und Schatzfundniederschlag in Mecklenburg zwischen 1572 und 1618“ die tatsächlichen Prägezahlen der Hauptnominale der Herzogtums Mecklenburg und der großen benachbarten Städte Hamburg und Lübeck bis zur Kipper- und Wipperzeit vor und verglich damit den Niederschlag in den Münzfunden. Alle drei numismatisch und geldgeschichtlich geprägten Vorträge wurden lebhaft diskutiert, wobei Fragen der Chorologie und der Aussagekraft von Einzel- und Schatzfunden eine große Rolle spielten. Immer wieder wurden die wirtschaftsgeschichtlichen Hintergründe der Niederlegungen angesprochen.

Wolf Karge (Schwerin) beschloß den eher geld- und währungsgeschichtlichen Teil mit seinen Darlegungen über „Die Währungsreform 1873 aus mecklenburgischer Sicht“, wobei er deutlich machte, daß 1873 nur der Anfang der neuen Reichswährung war, deren allmähliche Erringung der Dominanz ein eher dreißig Jahre dauernder Prozeß war. Die Golddeckung für die Reichswährung wurde betont; die Notenemissionen bestimmter Banken bestimmten bis zur Einführung der Reichsbanknote die Papierwährung.

Günter Bock (Großhansdorf) berichtete in drei Zeitschnitten (1. H. 14. Jhdt., 1490, 1612) über sein Thema „Wie Bauern zu Geld kamen - Agrarproduktion des Stormarner Raumes zwischen Naturalwirtschaft und Geldgebrauch im Mittelalter und der frühen Neuzeit“ und machte deutlich, wie stark die ländliche Gesellschaft schon früh geldwirtschaftlich geprägt war. Hamburger Kredite bestimmten zu einem Teil die bäuerliche Wirtschaft. Aber es gab zunehmend auch innerhalb der ländlichen Gesellschaft Kreditbeziehungen - zumeist über Verwandtschaft vermittelt. Dabei sind es nicht die großen Stellen, die als Kreditgeber fungieren. - Daran konnte Klaus-Joachim Lorenzen-Schmidt (Glückstadt) mit seinen Beobachtungen zu „Kreditaufnahmen von Elbmarschen-Bauern im 15. und 16. Jahrhundert“ anschließen. Leider ist die Quellenlage nicht besonders günstig, doch vermitteln erhaltene Urkunden geistlicher Institutionen aus Hamburg, Krempe und Wilster Einblicke in die Höhe der von Bauern nachgefragten Kredite und die Kreditierungspraxis. Leider fehlen überall Angaben zum Zweck der Kredite. - Martin Rheinheimer (Esbjerg) konnte Anhand von Teilungsprotokollen in seinem Vortrag „Das Geld der Kapitäne. Kapital und Kredit auf den nordfriesischen Inseln Amrum und Föhr im 18. und 19. Jahrhundert“ herausarbeiten, daß die zum Teil großen Vermögen hier in der Seefahrt (zumeist als angestellte Kapitäne auf niederländischen, hamburgischen und altonaischen Schiffen) in erster Linie in Grund- und Boden angelegt wurden; erst als der Bodenmarkt erschöpft war, wurden andere Anlagemöglichkeiten (u.a. bei Gemeinden auf dem schleswigschen Festland) genutzt. -Peter Wulff (Gettorf) behandelte in seinem Beitrag über die Spekulation mit adligen Gütern am Ende des 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts einen Sonderfall: „Güterfinanzierung und Konkurs des Jens Peter Neergaard“. Neergaard, aus Seeland zugewandert, heiratete in den holsteinischen Adel ein und erwarb zwischen 1798 und 1815 sukzessive vierzehn Güter in spekulativer Absicht, mit denen er auf dem Höhepunkt der Agrarkrise 1825 gradios scheiterte. Motive und Handlungsweise der Güterspekulanten ließen sich an diesem Beispiel deutlich herausarbeiten. - Alix Johanna Cord (Kronberg) verließ mit ihrem Beitrag „Herkunft und Transfer von Vermögen in zwei Eutiner Bürgerfamilien des 19. Jahrhunderts“ die landwirtschaftliche Szene und wandte sich kleinstädtischen Vermögen und der hier geprägten Kreditierungspraxis zu. Beide - miteinander verwandte - Familien gehörten zur Führungsschicht der Residenzstadt Eutin und erwarben beträchtliche Vermögen. Aufbau und Nutzung dieser Vermögen, aber auch Vererbung und Anlagen wurden detailliert beleuchtet. Hierbei zeigt sich die Bedeutung der genauen Kenntnis von Familienbeziehungen. - Schließlich beendete Klaus-Joachim Lorenzen-Schmidt (Glückstadt) mit seinen Ausführungen über „Reiche Bauern. Geldanlagen und vergebene Kredite von Bauern der Krempermarsch im 19. Jahrhundert“ den Vortragsteil der Tagung. Er stellte die großen Vermögensbildungsmöglichkeiten während der zweiten Hälfte des 18. und der letzten zwei Drittel des 19. Jahrhunderts heraus und machte deutlich, wie enge familiäre Beziehungen zwischen den rund 1000 Höfen dieser Kleinregion in den holsteinischen Elbmarschen bestanden. Eine Reihe von Vermögens- und Kreditaufstellungen (durchweg aus privater Schreibebuchüberlieferung gewonnen) verdeutlichte die außerordentlich Regen Geldbeziehungen, machten aber auch nationale und internationale Orientierung in der Geldanlagepraxis deutlich. Bei allen Kreditvorgängen (außer bei der Güterspekulation) wurde der starke familiäre Bezug der Geschäfte deutlich. Es blieb aber die Frage, durch welche Vermittlung (potentielle) Kreditoren und Debitoren zusammen kommen, wenn sie nicht verwandt sind oder in enger räumlicher Nachbarschaft wohnen.

Die regen Diskussionen zeigten, wieviele Unsicherheiten heute noch bei der Einschätzung der Vermögensbildungs- und Kreditierungspraxis früherer Zeiten bestehen. Sie zeigten aber auch, daß es längst an der Zeit war, über das Thema Geld und Kredit vor Einführung der Banken und Sparkassen zu sprechen. Leider konnten zwei Vorträge über Kommunalkredite nicht gehalten werden - ein weiteres Feld mit Anknüpfungen an wenigstens drei Beiträge zur Tagung. Deutlich wurde auch, wie ähnlich in vielerlei Beziehung die Verhältnisse zwischen den beiden nördlichsten Nachbarländern Deutschlands gelagert waren. Die Teilnehmer der Tagung wollen ihre Ergebnisse in einem Sammelband, der in der Reihe „Studien zur Wirtschafts- und Sozialgeschichte Schleswig-Holsteins“ erscheinen soll, publizieren. - Die Durchführung der Tagung wurde dankenswerterweise von der Volksbank Eckernförde mit einem Geldbetrag gefördert. Daß sie - wie im Arbeitskreis mittlerweile gewohnt - in angenehmstem Klima und wunderbarer Umgebung, bei guter Verpflegung und Unterbringung stattfinden konnte, haben alle Teilnehmer und die „Akademie am See“ ermöglicht.

Klaus-J. Lorenzen-Schmidt, Staatsarchiv, Kattunbleiche 19, 22041 Hamburg, klaus-joachim.lorenzen-schmidt [at] staatsarchiv.hamburg.de