Einladung zu einem neuen Projekt:
Stadt und Adel – Adel und Stadt
Wechsellagen und Konjunkturen eines vielgestaltigen Gegen- und
Miteinanders
Einladung zu einem Projekt (Detlev Kraack)
Wir sind es gewohnt, mit den Begriffen „Stadt“ und „Adel“ ganz bestimmte, fest umrissene Vorstellungen zu verbinden. Geprägt durch die ältere (um nicht zu sagen „klassische“) deutsche Stadt- und Hansegeschichtsforschung denken wir bei Stadt für die vormoderne Epoche sofort an Stadtrecht, städtische Freiheiten, an „die großen drei Ms“ (Mauer – Münze – Markt), an die Hanse, an Koggen, Gilden, „Pfeffersäcke“ und an vieles mehr und haben dabei das Modell einer verdichteten Form von Siedlung um Pfarrkirche, Markt und Rathaus im Kopf, die aus der sie umgebenden Feudalwelt gleichsam herausgehoben wirkt. Adel hingegen erscheint meist als Inbegriff für die vorrevolutionäre, ständisch geprägte („Feudal-“)Welt des ancien régime. Der Gedanke an ritterlich-höfisches Gebaren, an adligen Dünkel, an demonstrativen Konsum sowie ehrenvolles Mit- und Gegeneinander klingt dabei oftmals unverhohlen mit (all dies finden wir indes gleichermaßen bei den Angehörigen städtischer wie nicht-städtischer Oberschichten). Beide Begriffe – Stadt und Adel - in eins zu fassen, liefe demnach auf einen konfliktgeladenen Widerspruch hinaus oder versuchte etwa über Fragen der materiellen Versorgung oder der Markt-Umland-Funktion zusammenzubringen, was von der älteren Forschung jeweils für sich genommen als defizitär verstanden wurde.
Wer genauer hinsieht und sich dabei mehr an der zeitgenössischen Quellenüberlieferung als an überkommen-idealtypischen Vorstellungsmustern orientiert, merkt indes recht schnell, dass es sich sowohl hier als auch dort sehr viel komplizierter verhält und dass die Frage des Mit- und Gegeneinanders von Stadt und Adel wissenschaftsgeschichtlich, aber eben auch und gerade von der Sache her nicht eines gewissen Reizes entbehrt. So gibt es weder die Stadt noch den Adel. Statt Widersprüchen finden wir symbiotische Elemente und kommen zu der Erkenntnis, dass die vielgestaltig angelegten Wirkungsmöglichkeiten von den historischen Protagonisten von Ort zu Ort jeweils sehr unterschiedlich ausgestaltet wurden.
Vor allem auf der Seite der Städte war das Spektrum sehr weit gefächert: Es liegt auf das Hand, dass für Hamburg und Flensburg ganz andere Bedingungen galten als für Oldesloe und Lütjenburg, das für lange Zeit der Pfandherrschaft umwohnender Großer unterstellt war, - um an dieser Stelle von Lübeck erst gar nicht zu beginnen. Dass Residenzstädte anderen Gesetzen gehorchten als Kaufmanns- und Ackerbürgerstädte oder Flecken wie Preetz, bedürfte eigentlich ebenfalls keiner Erläuterung; und doch wird es oftmals nicht oder zumindest nicht ausreichend bedacht. Entsprechend gibt es hinsichtlich des in sich vielfach geschichteten und „gegruppten“ Adels noch zahlreiche offene Fragen zu klären; auch hier dürften entsprechende vertikale, aber auch horizontale und regionale Differenzierungen weiterhelfen und zu neuen Vorstellungen führen, die uns besser verstehen machen, was wir in der vormodernen Quellenüberlieferung an Nachrichten finden.
So scheint der Adel von der Gründungsphase an in den Städten mehr oder weniger direkt präsent – und zum Teil tonangebend - gewesen zu sein. Mit der bürgerlicher Gleichheit, mit der Brüderlichkeit gar und auch mit der Freiheit, die sich die Französische Revolution programmatisch auf die Fahnen schrieb, war es demnach von Anfang an nicht weit her. Ein ähnlich enges Miteinander zwischen Stadt und Adel erhellt aus der Untersuchung von Immobilien- und Rentengeschäften im Spätmittelalter. Von diesen ist es dann nur noch ein kleiner Schritt bis zum Kieler Umschlag, auf dem vor dem Hintergrund der städtischen Kulisse Geld gehoben, Kredite umgeschichtet, Ehebündnisse beschmiedet und politische Rechnungen aufgemacht oder beglichen wurden. Vom unflätigen Verhalten des Landesadels anlässlich dieses gesellschaftlichen Ereignisses zeichnet die städtische Chronistik ein keinesfalls immer schmeichelhaftes Bild. Wie aber sah der normale Alltag aus, der es bekanntlich stets schwerer hatte, einen spürbaren Nachhall in den Quellen zu finden? Wer besaß? Wer bestimmte? Wer arbeitete zu welchen Bedingungen und zu welchem Lohn für wen? Wer fand wo seinen Platz in der Kirche und wer wurde wie, wo und unter welchem Aufwand zur letzten Ruhe gebettet? Wie stand es mit frommen Stiftungen, mit der Zugehörigkeit zu Bruderschaften? Welche Rolle spielten überhaupt geistliche Einrichtungen (Klöster, Hospitäler, Domkapitel)? Was wissen wir über das Selbstverständnis von Adel und städtischen Oberschichten (Stichwort Repräsentation)? Wie stand es mit ehelichen Verbindungen zwischen Patriziern und landsässigen Adligen (Stichwort Konnubium)? Welchen Konjunkturen waren Land- und Stadtsässigkeit unterworfen? Wer ahmte im Spannungsfeld von Imitatio und Ämulatio in Lebensstil und Hausausstattung eigentlich wen nach? An wen hielt sich der Landesherr, wenn er sich in Konflikte mit den Landständen oder mit auswärtigen Mächten verwikkelt sah? War all dies durch die Zeiten Konjunkturen unterworfen? Gab es signifikante Unterschiede zwischen dem alten schleswigschen Adel und den großen holsteinischen Adelsfamilien, die über Pfandherrschaft und Besitzerwerb seit dem 14. Jahrhundert verstärkt ins Schleswigsche einwanderten und mit der Zeit zu einer Schleswig-Holsteinischen Ritterschaft verschmolzen? Wie verhielt es sich im Gegensatz dazu (oder vielleicht ganz ähnlich) in den unterschiedlichen Regionen Dänemarks? Was wissen wir ferner über das Miteinander von Städten gegen den Adel und/oder den Landesherrn?
Hiermit seien nur einige Anregungen gegeben, die dazu inspirieren mögen, sich mit dem äußerst vielgestaltigen Gegenstand anzufreunden, ihn – wie im Titel angedeutet - von unterschiedlichen Seiten zu beleuchten und auf diesem Wege weiter in die Materie einzudringen. Wer sich in der vormodernen Epoche nicht so zu Hause fühlt, soll sich bitte nicht davon abhalten lassen, ein entsprechendes Thema aus der Moderne in das Projekt einzubringen. Mir fallen hierzu etwa ganz spontan die Donners ein, die als Altonaer Großkaufleute in den Adel erhoben wurden und sowohl im Donner- „Schloss“ an der Elbchaussee als auch auf „Schloss“ Bredeneek einen ausgesprochen adligen Lebensstil pflegten. Außerdem sind heutzutage zahlreiche alte Adelssitze von reichen Städtern aufgekauft worden, die hier Jagden veranstalten und sich adlig geben. Unserem gemeinsamen Erkenntnisziel kann die Einbringung entsprechender Themen und Problemfelder nur nützlich sein, zumal wir uns dem Gegenstand ohnehin nicht anders als an ausgewählten Fallbeispielen werden nähern können. Gerade deshalb sind aber auch aussagekräftige Vergleichsfälle aus benachbarten oder anderen Territorien willkommen; diese können gerne in die Gesamtbetrachtung eingebracht werden (Nota bene: moderne Landesgeschichte ist immer auch gleich vergleichende und „verungleichende“ Landesgeschichte). Dass es adliges Getreide war, dass Christian Dethleffsen im ausgehenden 18. Jahrhundert im Sundewitt aufkaufte, um es an seinen Geschäftspartner Cramer in Kopenhagen zu vermitteln, wird zwar in Dethleffsens Geschäftskorrespondenz mit keiner Silbe erwähnt, stellt aber auch eine interessante Variation des Themas Stadt und Adel dar. Und dass Heinrich Rantzau sein Getreide im 16. Jahrhundert auf eigenen Schiffen außer Landes brachte, um es – an den städtischen Märkten der Region vorbei - gewinnbringend nach Westeuropa und bis in den Mittelmeerraum zu verkaufen, könnte auch ein Ansatzpunkt für einen interessanten Beitrag sein („Adel ohne Stadt?“). Schließlich haben sich zahlreiche Spuren adliger Repräsentation und adligen Alltagsgebarens in den städtischen Gotteshäusern unserer Region erhalten (Grabsteine, Epitaphien, Altäre, Gebetsstühle etc.), die ebenfalls in die Gesamtbetrachtung einbezogen werden sollten. Außerdem sind da ja auch noch Friesen und Dithmarscher, bei denen im Lande ja bekanntlich schon immer alles irgendwie anders war als überall anders. Sollte jemand das „irgendwie“ mit konkretem Leben füllen können, würde er sich um das Gesamtprojekt ebenfalls sehr verdient machen. -
Wer an dem Projekt mitarbeiten möchte,
sei herzlich dazu eingeladen, sich
mit Vorschlägen für Themen bei mir zu
melden. Für das ersten Halbjahr 2008
plane ich ein Projekttreffen, um dann
mit entsprechendem Abstand dazu eine
Tagung anzuberaumen, auf der wir uns
– hoffentlich auch unter tatkräftiger Unterstützung
von Gästen aus nah und fern
– umso intensiver mit dem Gegenstand
werden beschäftigen können.
Detlev Kraack
Seestr. 1
24306 Plön
Tel. 04522 / 508 391
Email: detlev.kraack@gmx.de

